Weißestes Weiß und schwärzestes Schwarz

9. Okt 2013

Künstler und Wissenschaftler sind noch immer auf der Jagd nach dem Helligkeits- und Dunkelheitsrekord

„Ihre Lieblingsfarbe?“, fragt die Eheberaterin in einem Sketch von Loriot das Ehepaar Blöhmann. „Schaumolweiß“, antwortet die Gattin, „das ist noch etwas weißer als Weiß.“ Loriots Persiflage von Werbeaussagen hat in Wirklichkeit einen wahren Kern: Die Suche nach dem weißesten Weiß beschäftigt Wissenschaftler, Techniker und sogar Künstler seit vielen Jahren ebenso wie die Jagd nach dem schwärzesten Schwarz. Der ultimative Schlusspunkt ist an beiden Enden der Helligkeitsskala noch nicht erreicht.

news_weiss-schwarz_kohleDie Meldung war 2008 in vielen Zeitungen und nicht zuletzt auch auf farbimpulse.de zu lesen: Forscher der Rice University im amerikanischen Houston hatten eine Oberfläche hergestellt, die schwärzer war als alles bisher Dagewesene. Sie reflektierte nur 0,045 Prozent des einfallenden Lichts – das heißt, 99,955 Prozent des Lichts wurden in dem Dunkel eines Waldes hochfeiner Kohlenstoffröhrchen verschluckt, den die Wissenschaftler auf die Oberfläche „gepflanzt“ hatten. Das Schwarz eines Pullovers oder eines Lederarmbands würde vor dieser Oberfläche nur wie ein schales Grau aussehen.

Bei diesem Rekord blieb es selbstverständlich nicht. Es war jedoch kein Wissenschaftler, der ihn brach, sondern der belgische Künstler Frederik De Wilde. Fasziniert von der Idee einer Kunst, die sich in der Dimension des Unsichtbaren bewegt, schuf er den Begriff des „Nano Painting“ – Malerei, die sich Bausteinen im Nanomaßstab wie den erwähnten Kohlenstoffröhrchen oder auch winzigster Silberpartikel bedient. Solche Materialien schaffen keine für das bloße Auge direkt sichtbaren Strukturen, sondern bestimmen lediglich die optischen Eigenschaften der Oberfläche.

Mit „Nano Painting“ will Frederik De Wilde eine Brücke schlagen zwischen Kunst, Wissenschaft und Technik. Er sieht sich damit in einer Reihe mit den mittelalterlichen Glasmalern, mit den Künstlern des 19. Jahrhunderts, die spiegelnde Materialien in ihre Werke eingebaut haben oder mit den ersten Fotografen, die ebenfalls Licht, Chemie und moderne Technik für ihre Arbeiten nutzten.

Der bisherige Höhepunkt dieser Arbeit ist ein Werk mit dem kryptischen Titel „Hostage.pt.1“. Der Begriff „Hostage“ bedeutet „Geisel“ und spielt auf die Tatsache an, dass die Oberfläche des etwa 60 mal 60 Zentimeter großen Werks das einfallende Licht fast komplett gefangen nimmt und auch nicht mehr herausrückt. Nur 0,03 Prozent werden reflektiert – noch ein Drittel weniger als bei dem 2008 vorgestellten Material der amerikanischen Forscher, auf deren Know-how Frederik De Wilde bei der Entwicklung von „Hostage.pt.1“ zurückgreifen konnte.

Seither hält er den Rekord für das schwärzeste Schwarz. Doch natürlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch dieser gebrochen werden wird. Einstweilen erwägt der Künstler, sich auch der anderen Seite zu widmen: dem weißesten Weiß. Eine entsprechende Arbeit dazu hat er bisher allerdings noch nicht präsentiert.

Die Suche nach dem ultimativen Weiß gestaltet sich allerdings grundsätzlich schwieriger: Weiß ist (wie auch Schwarz und Grau) eine unbunte Farbe, das heißt, einer weißen Fläche ist kein Farbton zugeordnet. Der weiße Farbeindruck entsteht, wenn alle drei der für das Farbensehen zuständigen Zapfentypen im menschlichen Auge gleichermaßen angesprochen werden. Das kann durch ein sich über alle sichtbaren Wellenlängen verteiltes Spektrum geschehen oder auch durch ein Spektrum aus drei einzelnen Spitzen – so wird das Weiß in Computerbildschirmen oder in Leuchtdioden erzeugt.

Die Helligkeit ist dabei ein wesentliches Kriterium für den Farbeindruck: Mit abnehmender Helligkeit wird aus dem Weiß irgendwann Grau und schließlich Schwarz. Doch während bei der Suche nach dem schwärzesten Schwarz als Endpunkt ein Reflexionsgrad von 0 Prozent angestrebt wird, gibt es beim Weiß einen solchen absoluten Idealwert nicht. Es existieren zwar eine ganze Reihe technischer Definitionen für den Weißgrad eines Materials. Doch diese hängen immer von der Lichtmenge und dem Spektrum der Beleuchtung ab. Das weißeste Weiß an sich gibt es jedoch nicht. Wie daher ein Kunstwerk aussehen würde, das den Anspruch erhebt, weißer als alles andere zu sein – schaumolweiß, um es mit Loriot zu sagen –, das ist bisher unklar.

Als stiller Rekordhalter gilt bisher ausgerechnet ein Mistkäfer aus Asien: Die Tiere der Gattung Cyphochilus bewohnen weiße Pilze und tarnen sich mit einem weißen Panzer, der nur fünf Tausendstel Millimeter dick ist. Trotz dieses minimalen Materialeinsatzes gelingt es den Insekten jedoch, ein Weiß zu erzeugen, dass weißer ist als Milch und die meisten anderen natürlichen Materialien.