Pastellfarbener Abschied vom tristen Nachkriegsgrau

2. Okt 2013

Erster Teil der FARBIMPULSE-Serie über die Geschichte der Wohnfarben in Deutschland: die 1950er-Jahre

Deutschland im Jahr 1950: Eines der düstersten Jahrzehnte der Weltgeschichte ist zu Ende. Nach all dem Grau der Kriegs- und Nachkriegsjahre sehnen sich viele  Menschen nach Farbe. Bunt sind bald die Vorhänge, bunt die Fußböden und  auch die Möbel – von der Einbauküche bis zum Wohnzimmersessel: Mit mehr Begeisterung als in diesem Jahrzehnt werden in deutschen Wohnzimmern zu kaum einer anderen Zeit Farben eingesetzt. Hinzu kommen weiche, asymmetrische Formen: Die 1950er-Jahre gehen als „Jahrzehnt des Nierentischs“ in die Designgeschichte ein.news_pastellfarben-nachkriegsgrau-01Alte Möbel, gedeckte Farben, schlichte Kleidung: Die 1940er-Jahre hatten den Menschen kaum die Möglichkeit farbiger Individualität geboten – sei es aus dem Konformismus der nationalsozialistischen Bewegung heraus oder sei es aus der puren Not der Kriegs- und Nachkriegsjahre. Das änderte sich mit dem nach der Währungsreform 1948 zunächst zögerlichen, dann jedoch rasanten wirtschaftlichen Aufschwung. Das legendäre „Wirtschaftswunder“ eröffnete vielen Menschen die Möglichkeit, ihre Wohnungen und Häuser bewusst zu gestalten.

War es für viele Deutsche lange Jahre nur um das schlichte Überleben gegangen, war nun auch Platz für Lebensfreude: „Frohe Farben – frohe Arbeit“, überschrieb etwa die Frauenzeitschrift „Constanze“ einen Artikel über Farbe in der Wohnung, wie der Journalist Jörg Bohn in seiner virtuellen Ausstellung „Wirtschaftswundermuseum.de“ berichtet. Geworben wurde in der Zeitschrift – lange Jahre eine stilprägende Größe in Deutschland – für die „freundlichen und dezenten Pastell-Töne“ einer „Anbauküche“, wie es damals meistens noch hieß. Gefertigt waren die Oberflächen aus dem  bereits vor dem Krieg erfundenen, nun aber sehr populären Material Resopal. Es galt nun als besonders modern und hygienisch.

Kunststoff statt Holz: Jetzt war es möglich, Möbeloberflächen in nahezu beliebigen Farben herzustellen. Und von dieser Möglichkeit wurde auch reichlich Gebrauch gemacht, nicht nur in den Küchen, die im dezenten Babyblau, Hellgelb und Lichtgrau oder auch in kräftigeren Orange- oder Rottönen gefertigt wurden. Bücherregale, Beistelltischchen, Couchtische, Blumenampeln: Überall, wo glatte Flächen gewünscht waren, wurde meist farbiges Resopal eingesetzt – oft in Kombination mit messingfarbenem Metall, beispielsweise als Verstrebung.

Beliebt waren jedoch auch Mosaiken: Sie wurden in Form farbiger Fliesen auf Tischplatten aufgebracht, die meist mit einem Messingrand geschützt waren. Auch hier dominieren Pastelltöne – das augenfälligste Merkmal ist jedoch die Form: Während kleinere Möbelstücke wie Beistelltischchen meist die Form eines abgerundeten Dreiecks haben, kommt bei größeren Stücken häufig die legendäre Nierenform zum Einsatz. Deutlicher als mit dieser verspielten und asymmetrischen Form konnte kaum zum Ausdruck kommen, dass nun eine andere Zeit angebrochen war.

news_pastellfarben-nachkriegsgrau-02Weiche, runde Formen dominieren nun auch bei den Sitzmöbeln: Sogenannte Cocktailsessel mit geschwungener Rückenlehne waren sehr beliebt, natürlich auch hier wieder in Pastelltönen wie Hellgrün, Beige oder Graugrün. Aber auch Erdbeerrot oder Muster aus beigen und schwarzen Streifen waren zu finden.

Passend zu den Farbtönen des Mobiliars wurden natürlich auch die Wände in Pastelltönen gestaltet. Das Spektrum reichte von Hellblau über Beige- und Brauntöne bis hin zu dezentem Grün oder Altrosa. Mosaike wurden auch hier gelegentlich eingesetzt – vor allem in öffentlichen Gebäuden wie Schulen aus dieser Zeit sind sie an Außen- oder Innenwänden oft noch heute zu finden.

Richtig bunt wurde es jedoch am Fenster und am Boden: Vorhangstoffe mit lebhaften Blätter-, Rechteck- oder Blumenmustern waren sehr beliebt, wobei auch hier wieder Kombinationen von Pastelltönen dominierten. Bei den Fußböden sorgte das Aufkommen von Kunststoffmaterialien für neue Möglichkeiten in der Farbgestaltung: Hier waren Muster mit farbigen Quadraten verbreitet, und hier durften die Farben oft auch etwas weniger dezent sein, beispielsweise ein kräftiges Rot oder Blau. Aber auch gewagte Linien-, Streifen- und Zickzackmuster waren im Angebot der Hersteller, die nicht zuletzt besonders die einfache Pflege der Böden bewarben. Dem farbigen Trend folgten auch die Hersteller der klassischen Linoleumböden, die ebenfalls eine immer größere Farbvielfalt in ihre Programme aufnahmen.

Dass in vielen Zeitschriften und Werbeprospekten eine große Begeisterung für Farben propagiert wurde, darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass in einem Großteil der Wohnzimmer noch immer ein gutbürgerlicher Stil vorherrschte: Geprägt waren Einrichtung und Farbe durch Stilmöbel in wuchtigem Eichendekor, durch Blümchentapeten und beige bis braune Farbtöne an Wänden und Fußböden. Eine solche Einrichtung galt als solide und wertstabil – was viele Menschen gerade nach den oft großen materiellen Verlusten der Kriegs- und Nachkriegsjahre schätzten.

Dennoch bereitete die vielfach kultivierte Freude an der Farbe in den 1950er-Jahren den Weg in eine lebendige Wohnkultur, die sich in den folgenden Jahrzehnten noch vielfach ändern sollte.