Klebefolie, Schalensessel und nordisches Design

18. Okt 2013

FARBIMPULSE-Serie über die Geschichte der Wohnfarben in Deutschland: die 1960er-Jahre

Der Bau der Berliner Mauer, John F. Kennedy, die Beatles, die 1968er-Bewegung und schließlich die Mondlandung: Die 1960er-Jahre waren geprägt von großen politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Umwälzungen. In deutschen Wohnungen ging es zwar nicht ganz so revolutionär zu, was den Einrichtungsstil angeht. Doch das Jahrzehnt brachte gleich mehrere stilbildende Bewegungen hervor, die sogar bis heute nachwirken.

news_klebefolie-schalensessel-nordisches-designKräftige Farben bei den Fußböden, lebhafte Muster für Vorhangstoffe und der Einsatz von Pastellfarben für Tapeten sowie für Küchen- und andere Möbel hatten bereits die Wohnraumgestaltung im ersten Nachkriegsjahrzehnt geprägt – ein Trend, der sich auch nach 1960 fortsetzte: Beworben wurde vor allem die einfache Pflege von Kunststoffoberflächen wie Resopal. Nochmals erweitert wurden die Gestaltungsmöglichkeiten mit Klebefolien, die 1958 in Deutschland auf den Markt kamen und sich schnell großer Beliebtheit erfreuten: „Schöner machen. Selber machen. d-c-fix auf 1000 Sachen“, lautete einer der Werbesprüche, die eine schöne, bunte Wohnwelt mit eigenen Gestaltungsideen versprachen.

Die Folien wurden einfach auf vorhandene Möbel wie Schränke, Tische, Regale oder Kommoden geklebt und sollten diese in moderne, farbige Einrichtungsgegenstände verwandeln. Farblich standen den Nutzern hier nahezu alle Möglichkeiten offen: Bunte Blümchenmuster, Holzdekore, rote, grüne oder gelbe Streifen, Rauten-, Rechteck- und viele andere Dekore in allen Farben und natürlich die nach wie vor beliebten Pastelltöne.

Wer Farbe in seinem Heim wollte, konnte sich hier für wenig Geld beliebig austoben. Und die Do-it-yourself-Begeisterung dürfte auch vor manchem alten Familienerbstück nicht Halt gemacht haben.

news_klebefolie-schalensessel-nordisches-design-2Wegweisende Trends gab es vor allem im Möbeldesign: So tauchten Anfang der 1960er-Jahre die sogenannten Schalensessel in vielen Varianten auf – Sitzmöbel mit einem meist auf das Nötigste reduzierten Gestell aus Stahl mit einer Kunststoffschale als Sitz. Zu den Designklassikern dieser Zeit gehört etwa der bereits 1958 entworfene „Egg Chair“ des dänischen Designers Arne Jacobsen. Sein Stoffbezug war knallrot – neben orange, braun, beige und taubenblau eine typische Farbe solcher Sitzmöbel.

Dezenter fielen die Inneneinrichtungen aus, die dem sogenannten dänischen oder skandinavischen Design folgten: Kernstück waren meist leichte Holzsessel mit dezent geschwungenen Armstützen und schlanken Kissen, die lose aufgelegt waren. Für den Bezugsstoff zu dem meist dunklen Holz wurde Grau, Beige oder ein sehr zurückhaltendes Orange gewählt. Halbhohe Bücherschränke und lange Sideboards – bevorzugt aus dunklem Holz wie Teak, Nussbaum oder Palisander – ergänzten den schlichten und funktionellen Charme dieser Möbel. Als Wandfarben wurden gleichfalls dezente Farbtöne wie Beige oder Rotbraun gewählt. Insgesamt ergab sich so ein Wohnstil, der in seiner Schlichtheit und seiner Beschränkung auf das Funktionale teilweise an das Bauhaus-Design der Vorkriegszeit erinnert.

Häufig eingesetzt wurden auch Kombinationen aus Metall und Holz: Ein bis heute beliebter Designklassiker ist beispielsweise das Regalsystem „String“ des schwedischen Ehepaares Nisse und Kajsa Strinning. Es stammt bereits aus dem Jahr 1949, wurde jedoch in den 1960er-Jahren in Deutschland sehr bekannt. Es besteht aus einem an der Wand hängenden Metallträger, der Regalböden mit Holz- oder auch Kunststoffoberflächen aufnehmen kann.

news_klebefolie-schalensessel-nordisches-design-3Skandinavisches Design hat sich seit dieser Zeit als feste Größe in der deutschen Einrichtungswelt etabliert: Dessen Grundelemente wie Funktionalität und eine aufs Notwendige beschränkte Formensprache prägen bis heute das Design vieler Produkte aus Nordeuropa – nicht zuletzt mit Möbelhäusern wie Ikea hat es sich auf der ganzen Welt verbreitet.

Doch zurück zu den 1960er-Jahren: Gegen Ende dieses Jahrzehnts erreichte eine Bewegung Deutschland, die bereits einige Jahre zuvor in den USA und Großbritannien entstanden war: die sogenannte Pop Art, eine Kunstrichtung, zu deren bekanntesten Vertretern Maler und Grafiker wie Roy Lichtenstein oder Andy Warhol gehörten, daneben aber auch Künstler, die in ihren Arbeiten Motive, Materialien und Gegenstände des Alltags einbezogen.

Die Pop Art zeichnet sich durch teilweise extrem kräftige Farben aus und inspirierte bald auch Designer von Einrichtungsgegenständen wie Lampen und Sitzmöbel oder von Tapeten. Damit wird schon der Weg bereitet in die poppige Farbigkeit der 1970er-Jahre.